Kunst-Radltour München am 18. Juli 2020

Nach einem halben Jahr Stillstand haben wir am Samstag, den 18. Juli 2020 wieder mit unserem Programm begonnen.

Kunst im öffentlichen Raum mit frischer Luft war die Devise. Die 15 Teilnehmer trafen sich an der „Bavaria“, eine Bronzestatue von Alicja Kwade, Corneliusbrücke, Ecke Erhardtsraße.

Diese temporäre Installation ist keine exakte Kopie von Ludwig Schanthalers monumentaler Arbeit auf der Theresienwiese. Kwades Arbeit hat menschliches Maß, exakt auf die Größe der Künstlerin herunterskaliert und aller Symbole der Macht und des Sieges, wie Löwe, Schwert und Lorbeer beraubt, erscheint sie gleich berechtigt zu uns Betrachtern.

Weiter ging es, alle ohne E-Bike, zum Jüdischen Museum und der Textarbeit von Sharone Lifschitz (2004-2007) an den Scheiben rund um das Museum herum.

Die Texte sind das Ergebnis eines Dialoges der Künstlerin mit ca 180 deutschen Bürgern, die sie zufällig über Anzeigen in Zeitungen kennenlernte, und über die individuelle Haltung zur deutschen Geschichte und zur jüdischen Kultur mit ihnen diskutierte.

Weiter in die „Gasse ohne Namen“ die zum Oberanger führt und die Lichtarbeit „Passage Rot Blau“ von Keith Sonnier an der Fassade des Angerhofkomplexes.

Das ist sicherlich noch wirkungsvoller bei Dunkelheit und dann sieht man auch besser die Bewegung von Kreis und Viereck.

Im Boden eingelassen sind die Klangsteine von Andrea Schmeing-Häusler (2008) Fünf klassische Kirchenglocken, aus Bronze gegossen, sind unterirdisch in einem Hohlraum montiert. Die Töne erklingen aus dem Schachtgitter rechts.

Die Idee: Anders als die Viscardigasse hinter der Feldherrnhalle, die früher voller Hast von Münchnern genutzt wurde, die sich vor dem Hitlergruß am Odeonsplatz drücken wollten, soll diese neue Gasse die Menschen erfreuen, das Glockenspiel „Erinnerungen an Momente kindlicher, selbstvergessener Unbeschwertheit“ aufkommen lassen. Bei der Vorbesichtigung haben wir alle Glocken zum klingen gebracht, schade, bei unserer Tour schwiegen sie.

Die Bodenarbeit Oberanger, Ecke Dultstraße ist von Ulla von Brandenburg (2017) und erinnert an die vom Nazionalsozialismus verfolgten Lesben und Schwulen. Die Stadt lernt – endlich gibt es mal eine Tafel mit guter Erklärung.

Neben der Bodenplatte in der Kardinal Fauhaber Straße, wird endlich der 1919 ermordete erste Ministerpräsident des Freistaates Bayern, Kurt Eisner, würdig geehrt. Die Künstlerin Rotraut Fischer hat einen ästhetischen Glaskubus realisiert mit dem Satz von Eisner selber: „Jedes Menschenleben soll heilig sein“. Nachts ist die Skulptur illuminiert.

Weiter zu „Waterfall“ von Tatjana Trouvé vor dem Eingang des alten Südlichen Friedhofs am Stephansplatz. Die Skulptur „Waterfall“ schuf die italienische Künstlerin Tatiana Trouvé, die das klassische Motiv des Brunnens im städtischen Raum aufgriff. Ihre Skulptur kombiniert den Alltagsgegenstand einer alten Matratze aus hochwertigem Bronzeguss mit dem gängigen Baumaterial Beton. Wenn der Brunnen läuft, häng die Matratze wie ein nasser Sack über der „Betonmauer“. Eine Matratze die der Funktion nach weich ist und auch so aussieht, ist in dieser Realität aus harter Bronze. Es war eines der Werke des Projekts  <a space called public>, die die Kunst im öffentlichen Raum aufrief, sich auf Identitätssuche der Stadt zu machen.

Dann zur Theresienwiese, wo man noch mal den Eindruck der riesigen „Bavaria“ bekam und weiter zum Quartiersplatz, einer Landschaftsskulptur aus bis zu drei Meter hohen Rasenhügeln und einer bespielbaren „Dünenlandschaft“ mit Klettergräten und Trampolinen, eingerahmt von einem orangenen Betonsockel sowie einer Aufenthaltsfläche, die mit dunklem Basaltsplitt belegt ist.

Erstmals wurde in München vom Baureferat ein Platz realisiert, bei dem bereits in der Wettbewerbsphase Künstler und Landschaftsarchitekten kooperierten. Rosemarie Trockel (Künstlerin, Köln) entwickelte mit Catherine Venart (Architektin, Halifax) und Topotek1 (Landschaftsarchitekten, Berlin) die Idee einer bespielbaren Landschaftsskulptur auf dem Quartiersplatz Theresienhöhe, der seit dem 12. Juni für die Öffentlichkeit freigegeben ist.

Der Platz entstand auf einer 300 Meter langen und 50 Meter breiten Betonplatte über der Bahnlinie München-Rosenheim und einem Teil der ehemaligen Messetiefgarage. Der Quartiersplatz ist Bestandteil der Kunstprojekte „1a Orte“ auf der Theresienhöhe, einem Projekt von QUIVID, dem Kunst-am-Bau-Programm der Stadt München.

Wir jedenfalls blieben etwas nachdenklich zurück; man möge sich selbst einen Eindruck verschaffen.

Der Abschluss war SWEET BROWN SNAIL: Als Jason Rhoades eingeladen wurde, im Neubaugebiet Theresienhöhe* eine Arbeit für den Platz vor dem Verkehrszentrum des Deutschen Museums zu realisieren, stand der Vorschlag im Raum, an diesem Ort das Thema „globale Geschwindigkeit“ aufzugreifen. Rhoades reagierte mit einer Schnecke, jenem Tier also, das als sprichwörtlich langsam gilt, das aber auch, äußerst mobil, sein „Haus auf dem Rücken trägt“. Die süße braune Schnecke ist die monumentale Vergrößerung einer Nippesschnecke und steht in enger Verbindung mit einer Serie anderer Arbeiten. Ende der neunziger Jahre hatte Jason Rhoades zusammen mit Paul McCarthy – die beiden renommierten Künstler stammen von der US-amerikanischen Westküste – die so genannten „Proppositions“ entwickelt.

Das Wort erscheint auf den ersten Blick wie eine Falschschreibung des englischen „Proposition“ (Vorschlag). Es kann aber auch als eine Addition aus „Prop“ (Eigentum) und „Position“ gelesen werden, was dann etwa soviel bedeutet wie Besitz in Relation zu seiner Position oder das in Position gebrachte Eigentum.

Gut, dass gegenüber gleich der Biergarten lag, mit Maske hinein, und ohne Maske dann ein Bier oder Opfelschorle genossen war ein netter Ausklang eines schönen Nachmittags.

Wir denken auch über eine Führung Mitte September, angelehnt an das Programm
von Various Others, nach.

Geplant ist für September auch ein Ausflug nach
Polling, zu der Säulenhalle von Bernd Zimmer u.a., STOA169. Details dazu folgen.