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Kunstvisiten in Corona-Zeiten

Bekannterweise müssen wir pandemiebedingt noch eine Weile auf gemeinsame Events und Kunstführungen verzichten. Um diese Zeit zu überbrücken, hat sich der Kunstclub13 etwas überlegt und möchte Ihnen über den Februar hinweg ein paar Tipps für das private Kunsterlebnis präsentieren. Dafür haben wir Hanna Banholzer von „Hotspots of Art“ eingeladen für uns stellvertretend einige alternative Ausstellungsformate zu besuchen und vorzustellen. In regelmäßigen Abständen lassen wir Ihnen einen neuen corona-konformen Tipp aus Münchens non-profit Kunstszene zukommen. Denn auch im Lock-Down gibt es noch Entdeckungen. Spazieren Sie doch einfach mal vorbei!

Kunstvisite #4
23. Februar 2021

Wer in diesen Wochen das Bedürfnis verspürt, Kunst zu sehen, die nicht hinter Schaufenstern oder auf digitalen Bildschirmen präsentiert wird, für den empfiehlt sich ein Besuch im „Apartment der Kunst“. Der nicht-kommerzielle Kunstraum liegt in einem Hinterhof nahe dem Südeingang zum Englischen Garten und wurde 2013 vom Künstler Lars Koepsel gegründet. Er organisiert hier unter anderem regelmäßig Ausstellungen mit Austauschkünstler*innen aus Taiwan oder nutzt die Räumlichkeiten über den Winter selbst als Atelier.

Ausstellungsansicht SHELTER im Apartment der Kunst

Der Lockdown im Frühjahr gab den Anstoß für ein neues Ausstellungsformat, welches seit Ende Dezember 2020 im Apartment stattfindet. SHELTER ist als sogenannte Mikroveranstaltung konzipiert, die eine intime Begegnung mit der Kunst ermöglicht. Besuchende in Museen nehmen sich durchschnittlich etwa 30 Sekunden Zeit pro Werkbetrachtung – wer sich für das Apartment der Kunst einen freien Termin sichert, dem stehen hingegen zwei volle Stunden zur Verfügung, um die wenigen Werke auf den etwa 30qm auf sich wirken zu lassen. Statt anderen Besucher*innen zu begegnen oder den Blicken des Aufsichtspersonals ausgesetzt zu sei, ist man hier auf sich allein zurückgeworfen und darf es sich mit einer Begleitperson seiner Wahl in den alten grünen Vintage-Sesseln in der Mitte des Raumes gemütlich machen. Kein White Cube, stattdessen ist die Kunst eingebettet in ein Wohnzimmer-Setting und es herrscht eine heimelige Atmosphäre, die zu einer kontemplativen Begegnung einlädt. Trotz Corona kann man der Kunst hier endlich wieder nah sein, näher sogar als normalerweise: Neben Texten zur vertiefenden Lektüre, Snacks und einer Flasche Wein, liegen Handschuhe parat, mit welchen man die Werke tatsächlich berühren darf.

Solarworld (2019), nach Gottfried Mittelberg

Lars Koepsels erprobt in seinen Arbeiten das Schreiben als gestisch-performative, fast rituelle Handlung. Ähnlich wie Mönche in mittelalterlichen Klöstern beschäftigt er sich mit dem langwierigen Kopieren von Texten, wobei der handschriftliche Duktus eine Nähe zu ostasiatischer Kalligraphie erkennen lässt. Diese gleichsam spirituelle Komponente im Werk des Künstlers wird ergänzt durch politische, philosophische und humanistische Inhalte. Die Texte, die Ausgangspunkt für Koepsels Arbeiten sind, stammen aus den Federn von Hannah Ahrendt, Descartes, Max Frisch oder Erich Fromm. Doch schreibt der Künstler diese nicht linear ab, sondern ändert den Schreibfluss, schlägt immer wieder neue Richtungen ein, sodass Bestehendes überschrieben wird, sich Schichtungen bilden und so eine Textur aus Zeichen entsteht. Dabei geht zwar die Lesbarkeit verloren, doch bildet sich eine neue Formensprache heraus, welche Papier, ehemalige Landkarten oder Globen überzieht.

Detailaufnahme von ICOMEFROMABEAUTIFULPLACE (2019), nach Hannah Ahrend

Noch bis zum 21. März können individuelle Termine im SHELTER gebucht werden, für zwei exklusive Stunden mit Lars Koepsels Kunst im Hinterhofgebäude der Schönfeldstraße 19.

Kunstvisite ist ein wöchentliches Format des Kunstclub13 e.V., das in Zusammenarbeit mit Hotspots of Art erscheint.


Text und Fotocredits: Hanna Banholzer

Kunstvisite #3
16. Februar 2021

Die dieswöchige Kunstvisite lässt sich ideal mit einem Spaziergang durch den Hofgarten verbinden. Der dort beheimate Kunstverein München bespielt seit 2014 eines seiner Schaufenster als Ausstellungsfläche im halböffentlichen Raum. Mit Gloria Hasnay als Kuratorin wurde 2019 hier der Schwerpunkt auf die Präsentation von filmischen Arbeiten gelegt. Es entstand ein vom Ausstellungsprogramm unabhängiges Format. Um die größtmögliche Zugänglichkeit zu gewährleisten, wurde das Videoprogramm sowohl für den physischen als auch den digitalen Raum konzipiert und kann somit orts- und zeitunabhängig auf der Webseite rezipiert werden. „Unsere Institution ist ein diskursiver Raum, auch außerhalb der Ausstellungsmauern“ so die Kuratorin Hasnay.

Dass Zugänglichkeit ein zentrales Thema des Kunstvereins ist, spiegelt sich in seiner inhaltlichen und programmatischen Ausrichtung wider. So auch in der aktuell im Schaufenster zu sehenden Arbeit „A Recipe for Disaster“ von Carolyn Lazard (*1987 in Kalifornien/US). Ausgangspunkt sind Ausschnitte aus der US-Kochsendung „The French Chef“ von Julia Child – eine Show, welche in den 1970er Jahren die French Cuisine massentauglich machte und hier Zugang erleichterte. Um auch gehörlose und schwerhörige Zuschauer*innen zu erreichen, kamen damals erstmals Untertitel zum Einsatz. Das Amerikanische Publikum allerdings reagierte mit starker Kritik und Ablehnung auf die eingeblendete Textebene. In der Videoarbeit von 2018 stellt Lazard dem eine Weiterführung und Überzeichnung von medialer Barrierefreiheit entgegen. Zunächst werden die Videoausschnitte um eine deskriptive Audiospur für sehbehinderte Personen ergänzt. Es folgt ein zusätzlicher manifestartiger Text, welcher als weitere visuelle sowie akustische Schicht die Bild- und Tonaufnahmen überlagert. Der Fokus wird so auf Fragen nach Barrierefreiheit und Zugänglichkeit für körperlich beeinträchtigte Menschen gelenkt. Carolyn Lazard lebt selbst mit einer chronischen Immunkrankheit und setzt sich künstlerisch für Inklusion ein. Für Kuratorin Hasnay gelingt es Lazard in „A Recipe for Disaster“ gesellschaftliche Dysfunktionalitäten ohne erhobenen Zeigefinger aufzuzeigen und gleichzeitig gewisse humoristische Elemente einzuflechten.

[Julia Child holds a pan over a stove in a rustic pink and beige kitchen. She is a white woman with short curly brown hair. She wears an orange button down shirt with a black apron. On the counter is a bowl of eggs and a glass container of whisked eggs. Behind her is a wall of kitchen utensils. Behind her is also a doorway leading into a courtyard with plants. On top of this image, aligned to the center of the frame is a block of yellow, san serif text. It reads, “WHAT YOU HEAR, IS WHAT YOU GET./AND WHAT YOU GET, IS WHAT YOU HEAR./A REDUNDANCY FOR SOME./A CLARITY FOR OTHERS./A MEDIA OF MEDIAS./A NEW MATERIALISM./A WAY OF MAKING AND CONSUMING/THAT REFUSES TRANSLATION./THAT WE CANNOT IMAGINE,/BECAUSE WE HAVE NOT CREATED/THE CONDITIONS FOR ITS PRODUCTION./THE POSSIBILITY OF AN INTEGRATED AUDIENCE./LISTEN, I’M TRYING TO STAY SOMETHING./LOOK, I'M TRYING TO DO SOMETHING./WE ARE MAKING AN OMELET.” Layered on top of this text is a white subtitle at the bottom of the frame that reads, “Another way, which is a good way, is what I call a scrambled omelet.”]

Noch bis zum 07. März ist das 27-minütige Video im Schaufenster im Hofgarten einsehbar sowie online auf der Homepage des Kunstvereins zu finden.

Kunstvisite ist ein wöchentliches Format des Kunstclub13 e.V., das in Zusammenarbeit mit Hotspots of Art erscheint.


Fotocredits: (1) Hanna Banholzer. (2) Carolyn Lazard, A Recipe for Disaster, 2018, Installationsansicht, Schaufenster, Kunstverein München, 2021. Courtesy die Künstler*inne, ESSEX STREET, New York und Kunstverein München e.V.; Foto: Sebastian Kissel. (3) Video still: Carolyn Lazard, A Recipe for Disaster, 2018. Courtesy die Künstler*innen and ESSEX STREET, New York. [Julia Child holds a pan over a stove in a rustic pink and beige kitchen. She is a white woman with short curly brown hair. She wears an orange button down shirt with a black apron. On the counter is a bowl of eggs and a glass container of whisked eggs. Behind her is a wall of kitchen utensils. Behind her is also a doorway leading into a courtyard with plants. On top of this image, aligned to the center of the frame is a block of yellow, san serif text. It reads, “WHAT YOU HEAR, IS WHAT YOU GET./AND WHAT YOU GET, IS WHAT YOU HEAR./A REDUNDANCY FOR SOME./A CLARITY FOR OTHERS./A MEDIA OF MEDIAS./A NEW MATERIALISM./A WAY OF MAKING AND CONSUMING/THAT REFUSES TRANSLATION./THAT WE CANNOT IMAGINE,/BECAUSE WE HAVE NOT CREATED/THE CONDITIONS FOR ITS PRODUCTION./THE POSSIBILITY OF AN INTEGRATED AUDIENCE./LISTEN, I’M TRYING TO STAY SOMETHING./LOOK, I’M TRYING TO DO SOMETHING./WE ARE MAKING AN OMELET.” Layered on top of this text is a white subtitle at the bottom of the frame that reads, “Another way, which is a good way, is what I call a scrambled omelet.”]

Kunstvisite #2
9. Februar 2021

Diese Woche führt uns die Kunstvisite in die Maxvorstadt zum super+CENTERCOURT. Die einst offene Passage an der Kreuzung Adalbert- / Türkenstraße wurde in den 60er Jahren zu einem geschlossenen Raum mit großen Schaufenstern umgebaut. 2014 übernahm der super+ e.V. die Räumlichkeiten und organisiert dort seitdem regelmäßig Ausstellungen – seit 2018 unter der kuratorischen Leitung von Sophie-Charlotte Bombeck. Auch während Corona lohnt sich stets ein Abstecher zu dem Offspace, wo weiterhin Programm stattfindet, welches von außen ideal einsehbar ist.

Seit vergangener Woche gibt es eine neue Ausstellung in dem nicht-kommerziellen Kunstraum zu entdecken. Unter dem Titel „Die wirklich wichtigen Dinge“ ist bis Anfang März eine Rauminstallation der Künstlerin Esther Zahel (*1988 in Hanau) zu sehen, die speziell für den Raum geschaffen wurde. Studiert hat die Künstlerin an der Akademie der Künste München, wo sie 2018 als Meisterschülerin von Prof. Gregor Hildebrandt abschloss. In ihren Arbeiten setzt sie sich mit klassischen Themen der Malerei auseinander, etwa mit der Bildfläche und deren Limitierungen. Anfangs arbeitet Zahel mit installativen Hängungen kleinflächigerer Werke. Durch weitere räumliche Experimente mit dem zweidimensionalen Medium Leinwand, entstehen schließlich begehbare Malerei-Installationen. Mitglieder des Kunstclub13 konnten Zahels Arbeit bereits kennenlernen im Rahmen unseres Rundgangs durch die Diplomausstellung 2019 an der Akademie der Bildenden Künste, wo wir ihr Polyptichon „Die Öffnung des Universums in das Haus der vielen Wohnungen“ in der Aula besichtigt haben.

Auch im super+CENTERCOURT sind die Wand- und Bodenflächen lückenlos bedeckt mit perspektivischen Darstellungen abstrahierter Räume und architektonischer Elemente. Die Künstlerin lässt so eine Raumillusion entstehen und setzt dabei auf kräftige Farbflächen. Oft ergänzt Esther Zahel ihre malerischen Räume mit Darstellungen von Mobiliar und anderen Gegenständen und untersucht so auf welche Weise persönliche Objekte Zuhause verkörpern können. „Dabei geht es mir vor allem um die Essenz der Dinge, um ihre individuelle emotionale Wertigkeit und Aufladung.“ In ihrer aktuellen Ausstellung in der Adalbertstraße verzichtet die Künstlerin interessanterweise gänzlich auf Gegenständliches, sondern rückt das Architektonische in den Vordergrund. Der Besucher ist also eingeladen selbst Antworten auf die titelgebende Frage nach den wirklich wichtigen Dingen zu finden, die das eigene Innenleben erfüllen.

Bis zum 08. März 2021 ist die Ausstellung „Die wirklich wichtigen Dinge“ noch zu sehen. Der super+CENTERCOURT in der Adalbertstr. 44 ist durchgängig von außen einsehbar.

Kunstvisite ist ein wöchentliches Format des Kunstclub13 e.V., das in Zusammenarbeit mit Hotspots of Art erscheint.


Text: Hanna Banholzer
Fotocredits: Esther Zahel / Peter Langenhahn